Die Physiker

Spieltage: Do. 27., Fr. 28. Sa 29. Aug. und Do. 3., Fr. 4. Sa. 5. Sept. 2026 jeweils 19.30 Uhr bis ca. 22.10 Uhr – Tickets kaufen

Mit Friedrich Dürrenmatts weltberühmtem Klassiker bringt der Rodauner Theater Sommer einen der spannendsten und zugleich brisantesten Theaterstoffe des 20. Jahrhunderts auf die Open-Air-Bühne am Kirchenplatz.

In einer psychiatrischen Klinik begegnen einander drei geniale Physiker – oder sind sie bloß wahnsinnig? Betreut von Fräulein Doktor von Zahnd und ihrem Team entspinnt sich ein raffiniertes Spiel zwischen Schein und Sein. Nach einem Mord gerät das fragile Gleichgewicht ins Wanken – und plötzlich steht mehr auf dem Spiel als nur die Wahrheit.

Zwischen Macht, Moral und wissenschaftlicher Verantwortung stellt Dürrenmatts Meisterwerk eine hochaktuelle Frage: Wer trägt die Verantwortung für Erkenntnisse, die die Welt verändern – oder zerstören – können?

Die Rodauner Inszenierung legt den Fokus auf die brennende Aktualität des Stoffes: Wissenschaft als Machtinstrument, Wahrheit als Risiko, Verantwortung als Zumutung – verdichtet zu einem nervenaufreibenden Open-Air-Erlebnis unter freiem Himmel.

Groteske Tragikomödie

Dürrenmatts „Die Physiker“ (1961/62) ist eine groteske Tragikomödie über Verantwortung, Macht und die Gefährlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis. Drei Physiker – Möbius, Newton und Einstein – leben scheinbar als geistig verwirrte Patienten in einer privaten psychiatrischen Klinik. Schrittweise offenbart sich jedoch, dass Möbius ein wissenschaftliches Genie ist, dessen bahnbrechende Entdeckung die Grundlage zur vollkommenen Vernichtung der Welt bieten könnte.

Regiekonzept und Interpretation

Die Inszenierung von Marcus Marschalek legt den Fokus auf die Frage: Kann Wissen in einer Welt politischer Machtspiele überhaupt noch verantwortungsvoll kontrolliert werden? Und: Welche Verantwortung trägt jeder Mensch für die Folgen seiner Arbeit?

Die Bewohner:innen der Anstalt als Bewegungschor

Ein zentraler Bestandteil des Regiekonzepts ist ein Bewegungs-CHOR, dargestellt durch die Bewohnerinnen und Bewohner der Anstalt. Dieser Chor einige Male im Verlauf des Stücks auf und bildet ein atmosphärisches und kommentierendes Gegengewicht zu den Dialogszenen der Hauptfiguren.

Durch einfache, aber wirkungsvolle choreographische Gruppenbewegungen – synchrone Schritte, Formationen, gemeinsames Atemrhythmus-Spiel – wird der Chor zu einem kollektiven Organismus, der den Zustand einer überwachten, gesteuerten und zugleich verunsicherten Gesellschaft widerspiegelt.

Der Chor kommentiert das Bühnengeschehen indem er durch Pulks, Reihen und Kreisbewegungen die Themen des Stückes – Überwachung, Macht, Kontrollverlust – sichtbar macht. Damit wird eine zweite erzählerische Ebene geschaffen, die das Publikum zugleich emotional und intellektuell an das Stück heranführt.

Die drei Söhne Möbius’ erscheinen als Puppenfiguren.
Um Möbius’ tragische Isolation und seine selbstgewählte Entmündigung sichtbar zu machen, werden seine Söhne von großen, expressiven Handpuppen verkörpert. Sie stehen symbolisch für das Leben, das Möbius geopfert hat, und für die Unschuld, die im Schatten der Wissenschaft bedroht ist.

Die Klinik als Labor der Weltpolitik

Die Bühne zeigt eine sterile, fast entmenschlichte Umgebung, in der medizinische Apparaturen, Überwachungsobjekte und Symbole bürokratischer Kontrolle ineinanderfließen. Die Anstalt wird so zur Metapher für eine Welt, die versucht, Risiken zu verwalten, die längst außer Kontrolle geraten sind.

Möbius’ „Erfindung“ visualisiert

Die imaginierte Konstruktion Möbius’, seine Erfindung wird als Person sichtbar. So entsteht ein visuelles Echo jener zerstörerischen Energie, die im Text nur angedeutet wird.

Das „Lebende Bild“ – Macht in Bildern sichtbar gemacht

Ein weiteres Element der Inszenierung ist das „Lebende Bild“, ein großes, beleuchtetes Tableau, das mehrfach im Stück erscheint. Es zeigt die Figuren aus der Ahnenreihe der Klinikleiterin Fräulein Doktor von Zahnd – Wirtschaft, Politik und Militär –, deren pantomimische Bewegungen das aktuelle Spielgeschehen kommentieren. Wenn Fräulein Doktor von „ihrem Vater, ihrem Onkel oder ihrem Großvater“ spricht, beginnt das Bild zu „leben“: Die dargestellte Figur bewegt sich langsam, verstärkt durch punktuelle Beleuchtung, und führt kurze pantomimische Handlungen aus. So entstehen Bilder der drei historischen Machtpole: Geld (Profitlogik, Industrialisierung, Kapital), Politik (Opportunismus, Rhetorik, Machtinszenierung), Krieg (Gewalt, technische Rationalität der Vernichtung). Die drei Figuren stehen symbolisch für jene Kräfte, die Möbius’ Erfindung missbrauchen würden – und spiegeln damit den zentralen Konflikt des Stückes auf bildstarke Weise.

Warum dieses Stück heute? – Gesellschaftliche Relevanz

In einer Welt, in der neue Technologien – künstliche Intelligenz, autonome Waffensysteme, Genmanipulation oder Hyperschallwaffen – immer schneller entwickelt werden, stellt sich mit neuer Dringlichkeit die Frage: Wer kontrolliert Wissen, das zur Zerstörung eingesetzt werden kann?

Die Bedrohung durch eskalierende Kriege, atomare Aufrüstung, Cyberwar-KI-Szenarien und globale Machtkonflikte spiegelt sich unmittelbar in der Handlung wider. Möbius’ Dilemma – Wissen zurückzuhalten oder freizugeben – ist zum zentralen ethischen Konflikt des 21. Jahrhunderts geworden. Mit der Aufführung von „Die Physiker“ möchten wir daher ein literarisches Schlüsselwerk politisch neu kontextualisieren. Die Diskussionen über Verantwortung in Wissenschaft und Politik anregen und das Publikum mit einer lebendigen, zugänglichen und zugleich tiefgründigen Inszenierung ansprechen.

Der Rodauner Theater Sommer versteht Theater als gesellschaftlichen Dialograum. Mit „Die Physiker“ bieten wir: hochwertige Open-Air-Kultur im Süden Wiens, eine anspruchsvolle, zugleich humorvolle und zugängliche Auseinandersetzung mit zeitlosen ethischen Fragen und die Möglichkeit, in der einzigartigen Atmosphäre des Rodauner Kirchenplatzes ein großes Ensemblewerk zu erleben.